Aktuelles/Wissenswertes

23.04.2018

Das Märchen von der geregelten Arbeitszeit

Work-Life-Balance wird unterhöhlt

Die älteren Angestellten unter uns erinnern sich vielleicht noch: Pünktlich um 8.00 Uhr erschienen alle Kollegen am Arbeitsplatz, man sagte sich guten Morgen, und um 17.00 Uhr war dann Schluss. Der Abend konnte frei gestaltet werden. Natürlich gab es auch damals Ausnahmen: bei der Polizei und Feuerwehr, im Schichtdienst oder in Kliniken. Im Prinzip aber war die Arbeitszeit noch strikt geregelt.

Das Arbeitsleben und das Privatleben sind zunehmend weniger getrennt. Die Folgen bekommt nahezu jeder Arbeitnehmer zu spüren: Das Dienst-Handy klingelt dann auch mal am Sonntag, weil dem Chef noch irgendetwas einfiel; das Meeting wird am Abend vorbereitet, weil es tagsüber an Zeit fehlte oder die Tage werden länger, weil das Projekt drängt. Die ‚betrieblichen Anforderungen‘ stehen dann immer häufiger im Mittelpunkt des Lebens, während die ‚familiären‘ sehen können, wo sie bleiben. Garniert wird die schöne neue Arbeitswelt dann zumeist mit Begriffen wie ‚Commitment‘ und  ‚Flexibilisierung‘, was zunächst nach Zugehörigkeit oder mehr Freiraum klingt. Aber immer häufiger öffnet sich so das weite Einfallstor für den Übergriff der Arbeitswelt ins Privatleben. Familien- und Freundeskreise aber auch Ruhezeiten und kreative Zwecklosigkeit kommen so  zu kurz. Mit oft schwerwiegenden Folgen  für den Bereich des Lebens  der einem eigentlich Kraft geben soll - wie z.B. Scheidung oder soziale Einsamkeit.

Das Paradoxe ist, dass besonders diejenigen, die auf ‚Vertrauensbasis‘ arbeiten, also diejenigen, deren Arbeitszeit überhaupt nicht erfasst wird, für das neue entgrenzte Berufsleben den höchsten Zoll zahlen – bspw. durch Depressionen oder Burn-Out-Phasen infolge übermäßiger Arbeitsbelastung. Umgekehrt formuliert: Geregelte Arbeitszeiten schützen vor allem auch die Gesundheit.

Selbst in weniger exponierten Bereichen, fern der Führungsebene, regiert längst diese ‚Arbeitszeitverdichtung‘. Vor allem in der Pflege, in Krankenhäusern, im IT-Bereich oder generell im Service neigen die Beschäftigten zur interessierten Selbstgefährdung. Und zunehmend gilt das Prinzip der ‚indirekten Führung bzw. Steuerung‘: Der Arbeitnehmer selbst wird für das Erreichen von Unternehmenszielen verantwortlich gemacht. Meist geschieht das durch schriftlich fixierte Zielvereinbarungen, deren Zeit- und Ressourcenbedarf dann wiederum so angesetzt wurden, dass sie den Gewinnzielen der Firma dienen, aber nicht der Realität. Ein Arbeitnehmer, der innerhalb seines eigenen Unternehmens dann quasi als ‚Dienstleister‘ arbeitet, kann solche Anforderungen nur durch unbezahlte Mehrarbeit noch ausgleichen. 

Die Frage ist also, wie man die ausufernden Arbeitszeiten und die ständige Erreichbarkeit wieder in den Griff bekommt. Das verlangte ‚Commitment‘ muss Schranken erhalten, weil es auch noch andere Dinge im Leben gibt als den Beruf. Nicht zuletzt die eigene Gesundheit …

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