Aktuelles/Wissenswertes

23.04.2018

Gnadenlos mobil...

Entgrenzte Arbeitszeit

Jede und jeder von uns kennt die Szenen, wo auf dem Heimweg im Zug der Sitznachbar noch lange Geschäftsgespräche führt, oder aber endlose Excel-Tabellen über den Monitor seines Tablets schubst. Abgesehen von der Datenschutzproblematik im öffentlichen Raum - solche Arbeiten, die ‚mobil‘ erledigt werden, erfasst keine Arbeitszeitstatistik in Deutschland, obwohl sie nach dem geltenden Arbeitsrecht in die Berechnung der Arbeitszeit einfließen müssten. Die mobile Technik macht die ‚Entgrenzung der Arbeit‘ derzeit möglich.

Da wird am Sonntag ‚mal eben schnell‘ der ausufernde Mail-Verkehr noch erledigt. Sogar Probleme in Produktionsanlagen lassen sich mit Hilfe der Fernwartung beheben. Jederzeit ist der Zugriff auf Firmeninterna möglich – ein simples Passwort vorausgesetzt. Denn die benötigten Daten lagern heute nicht mehr an einem festen Ort, sie sind ‚fluid‘ geworden, sie bewegen sich unabhängig von Raum und Zeit.

Das ist einerseits bequem, für die Firma wie für den Angestellten, andererseits erhöht sich schleichend das Arbeitszeitkontingent erheblich. Denn niemand erfasst die Arbeitsstunden, obwohl diese Auswertung durch technische Maßnahmen leicht möglich wäre. Zum Beispiel durch Systeme, die Zugriffe auf den Firmen-Server anonymisiert erfassen. Im Kern leisten Angestellte durch die neue Mobilität ständig ‚unbezahlte Mehrarbeit‘.

Das Argument der Arbeitgeber zu den neuen Arbeitsformen lautet, dass die Angestellten diese neuen Möglichkeiten doch selbst zu schätzen wissen würden. Auch das trifft nur bedingt zu, denn immerhin ein Drittel der betroffenen Arbeitnehmer lehnt die entgeltlose ‚Entgrenzung der Arbeit‘ ab. Dies macht ein Monitor-Bericht des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales deutlich.

Im Kern gilt, laut geltendem Arbeitszeitrecht, dass die Regelarbeitszeit von acht Stunden am Tag nicht überschritten werden darf. Diese Arbeitszeit darf in Ausnahmefällen auf zehn Stunden am Tag ansteigen, aber nur dann, wenn innerhalb von sechs Monaten die angefallene Mehrarbeit durch Minderarbeit an anderen Tagen wieder abgebaut wird (§ 3 ArbZG). Längst gibt es auch Musterbetriebsvereinbarungen, die auch den Bereich der mobilen Arbeit umfassen. Die unten angekündigte Fachtagung der BTQ Niedersachsen informiert Betriebs- und Personalräte über diese Möglichkeiten.

Letztlich aber ist es wohl so, dass vor allem die Politik vor einer Regulierung der veränderten Arbeitswelt noch zurückscheut. Daher ist es heute noch so, dass vor allem Arbeitnehmer die Lasten der ‚neuen Mobilität‘ zu tragen haben, während die Arbeitgeber die unerfasste Mehrarbeit als ‚Windfall-Profite‘ einstreichen dürfen.

BTQ-Fachtagung "Arbeitszeit aktuell - Entwicklungen, Impulse und Strategien" am 26. Juni 2018 in Hannover