Aktuelles/Wissenswertes

11.04.2019

Flexibilisierung

klingt gut, aber ...

Vor etwa zwanzig Jahren kam der Begriff der Flexibilisierung von Arbeitszeit auf. Studien hatten ergeben, dass keineswegs durchorganisierte und standardisierte Arbeitsvorgaben in einem festen Zeitrahmen ein Maximum an Produktivität bewirken, sondern Arbeitszeiten, die sich unter anderem auch an der Lebenswirklichkeit der Arbeitnehmer*innen orientieren.

Zunächst betraf dieser Wandel nur die unteren Lohngruppen, und hier insbesondere die Frauen. Für die Vormittage kam der Begriff der "Hausfrauenschicht" auf. Parallel machte auch die Einführung der Gleitzeit Karriere, die heutzutage fast schon als normal gelten kann. Diese Veränderungen der Arbeitszeit entsprachen einerseits den Interessen der Arbeitgeber an einem bedarfsgerechten Einsatz von Arbeitskräften, andererseits entsprachen die neuen Vorgaben vielfach auch einem Bedürfnis der Beschäftigten, die so Beruf und Familie besser vereinbaren konnten. Aus dieser Perspektive trat der positivere Begriff der "Zeitsouveränität" an die Stelle der Flexibilisierung.

Eine Fülle an Literatur begleitete diesen Wandel. Die Bücher der Experten trugen Titel wie „Zeitwohlstand“, „Eigenzeit“, „Befreiung von falscher Zeit“ oder „Ökologie der Zeit“. Im Hintergrund stand immer der Abschied vom Fordismus, von den getakteten Arbeitsvorgaben und vom Schichtbetrieb. An immer mehr Fließbändern stand, anstelle der Menschen, ja auch längst der “Kollege Roboter“.

Die optimistischen Erwartungen zeigten bald ihre Kehrseite – die negativen Folgen werden heute zumeist unter dem Begriff der Entgrenzung von Arbeit und der Deregulierung von Arbeitsstrukturen gefasst. Altgewohnte tarifliche Vereinbarungen greifen in einer agilen Arbeitswelt einfach nicht mehr, ein Feierabend klingt - in Zeiten von Smartphones und ständiger Erreichbarkeit - fast schon wie ein Märchen aus der guten alten Zeit.   

Unverdrossen hoffen Unternehmen, mit neuen Formen von Heimarbeit (Stichwort: Home-Office), oder mit einem ausgeweiteten Außendienst verbesserte Möglichkeiten der Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder der Kundenbetreuung zu erschließen. Komplexe Informations- und Kommunikationssysteme isolieren die Menschen währenddessen zeitlich und räumlich immer mehr voneinander, der persönliche Kontakt in den Belegschaften leidet. Dezentralisierung, Intrapreneur-Modelle, Profit-Center und Out-Sourcing dünnen den sozialen Zusammenhalt aus. Immerwährende Schulung und Neuqualifikation kommen noch hinzu.

Aus den Beschäftigten werden so zunehmend individualisierte „Arbeitskraft-Unternehmer“ – auch dies wird man zu den Folgen der Flexibilisierung zählen müssen. Die Betriebs- und Personalräte stehen hier vor großen Herausforderungen …