Aktuelles/Wissenswertes

21.06.2018

Arbeitnehmer als Unternehmer

Indirekte Steuerung

Es gibt jene Illustrationen aus der Frühzeit der Arbeiterbewegung, wo der Unternehmer – feist natürlich, und mit der Zigarre im Maul – wie ein Marionettenspieler alle Fäden in der Hand hält, wobei er selbst die leibeigenen Proletarier zu immer höherer Leistung peitscht. Dieses Bild ist zwar als Agit-Prop-Motiv höchst anschaulich, es entspricht aber keineswegs den tatsächlichen Verhältnissen in der heutigen Zeit.

Längst haben die Arbeitgeber das Prinzip der ‚indirekten Steuerung‘ in ihren Betrieben für sich entdeckt. Hierbei wird die unternehmerische Verantwortung an untergebene Arbeitsgruppen durchgereicht: Aus den Arbeitnehmern werden gewissermaßen ‚Task Forces‘ von Sub-Unternehmern, die im Team ‚eigenverantwortlich‘ die Entwicklung, die Produktion und sogar die Vermarktung von Produkten übernehmen. Nur, dass – abzüglich möglicher ‚Prämien‘ – der erwirtschaftete Profit natürlich nach wie vor in andere Taschen fließt.

Für die Management-Ebene ist das ein höchst bequemer Weg: Sie entlasten sich von altgewohnten Lenkungsaufgaben, und überlassen alles der ‚Selbstorganisation‘ innerhalb der Belegschaften. Diese stellen sich ihre Teams selbst zusammen, sie verteilen selbst die Aufgaben unter sich, und sie weisen sich selbst auch Ressourcen, Zeitkontingente oder ‚Deadlines‘ zu. In allen größeren Betrieben ist das Prinzip der ‚indirekten Steuerung‘ inzwischen gang und gäbe.

Die Betriebs- und Personalräte stellt diese neue Form der Unternehmensorganisation vor ganz neue Probleme. Denn die Phänomene der Überforderung, der Überlastung wie auch der ‚Ausbeutung von Zeit-Ressourcen‘ werden damit unmittelbar in den Verantwortungsbereich der Angestellten und Arbeiter zurückprojiziert. Es entsteht gewissermaßen ein ‚Rattenrennen‘, das die Ratten selbst veranstalten.

Mobbing, Burn-Out, Drogenmissbrauch, psychische Zusammenbrüche – dies alles sind zu einem großen Teil eben auch Folgen jener ‚indirekten Steuerung‘. Und sie verändern zugleich das Denken in den Belegschaften: Wem unternehmerische Aufgaben übertragen werden, der blickt irgendwann auch mit den Augen eines Unternehmers auf seine Arbeitswelt. Egoismen, Isolationismus und individuelle Ambitionen bestimmen dann die Perspektive.

Für Betriebs- und Personalräte ist dies ein höchst zweischneidiges Schwert: Einerseits müssen sie natürlich ‚mehr Verantwortung in Arbeitnehmerhand‘ begrüßen, andererseits schwächt die ‚indirekte Lenkung‘ die Werte der Solidarität wie auch den Organisationsgrad in den Betrieben.

Für einen ersten Blick auf diese diffizile Gemengelage empfehle ich dieses Video von Stephan Siemens von der ‚Initiative: Meine Zeit ist mein Leben‘:

Stephan Siemens ist auch Referent auf unserer Fachtagung "Psychische Belastungen in Betrieb und Verwaltung - Folgen der Digitalisierung und der indirekten Steuerung" am 11. September 2018 in Hannover