Aktuelles/Wissenswertes

21.06.2018

Potenz endet, Triebe nicht

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz

Alternde pflegebedürftige Menschen stellen wir uns gern als Rückkehrer in die Kindheit vor. Pfleger, vor allem aber Pflegerinnen in Seniorenheimen berichten aber von ganz anderen Erfahrungen. Sexuelle Übergriffe gehören zu ihrem Alltag.

Das Spektrum ist dabei weitgefasst. Es gibt verbale Aufforderungen, sich zur Pflegeperson ins Bett zu legen, beim Duschen reibt sich der Unterleib am Körper der Pflegekraft, anzügliche Bilder werden gezeigt, eindeutige Gesten ausgeführt oder vieldeutige Blicke geworfen.

Das Problem sexueller Belästigung im Pflegebereich wurde lange ignoriert. Wie eine Monstranz trug man das Bild des ‚lieben Opas‘ oder der ‚lieben Oma‘ vor sich her, die im Heim die denkbar beste Pflege erhalte. Der ‚Dirty Old Man‘ aber kam nicht vor. Faktisch aber berichten etwa die Hälfte der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von sexuellen Übergriffen im Berufsalltag. Und zwar selbst das männliche Personal: Schließlich träumen auch weibliche Heimbewohnerinnen noch von Liebe, Kuscheln oder Sex.

Das übliche Reaktionsmuster in den Ratgeber-Texten empfiehlt bei der Reaktion ein Drei-Schritte-Programm:

  1. Aussprechen, was war (‚Sie haben mir gerade an die Brust gefasst …‘)
  2. Sagen, wie man sich dabei fühlt (‚Ihr Verhalten verletzt mich …‘)
  3. Fordern, dass dies unterbleibt (‚Behalten Sie Ihre Finger in Zukunft bei sich …‘)

Grundsätzlich ist diese dreistufige Reaktion sicherlich richtig. Sie suggeriert allerdings, dass ein Deckel auf alle Töpfe passt. Faktisch aber bestehen Unterschiede zwischen einem alten Herrn, der ohne Besuche von Angehörigen auf der Stube liegt, dann, wenn er vereinsamt sein Gesicht in die Handfläche der Pflegerin schmiegt. Oder einem ehemaligen ‚Draufgänger‘, welcher der Pflegekraft unversehens in den Schritt greift.

Und was ist mit einem schwer dementen Patienten, der in seiner Dämmerwelt die Pflegekraft mit seiner Frau, Mutter oder Schwester verwechselt? Den genannten drei Schritten fehlt es also an ‚Individualisierung‘. Zu lernen ist daher die fallweise Anwendung der Drei-Schritte-Regel.

Hinzu kommt, dass demente Menschen zwar ihre Orientierung und ihr Gedächtnis verlieren, nicht aber ihr ‚Wesen‘. Nette Menschen bleiben auch im Zustand der Demenz nett, unangenehme Figuren bleiben aber unangenehm. 

Die BTQ Niedersachsen plant, im kommenden Jahr 2019 Seminare zum Thema "Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz" anzubieten.