Aktuelles/Wissenswertes

21.06.2018

Stress in der neuen Welt

Krank durch Digitalisierung?

Uns sollte nicht nur das Verschwinden traditioneller Berufsbilder beschäftigen, von der Buchhaltung über die Diagnostik, Feinmechanik und Logistik bis hin zur Rechtsprechung. Die Digitalisierung zeigt noch eine weitere Schattenseite: Die Zahl der psychischen Erkrankungen wächst und wächst. Und nahezu alle Experten sehen dabei die fortschreitende Vernetzung als Hauptursache an: Der Mensch ist zu einem bloßen Halbleiter auf der großen Platine der Produktionsnetzwerke geworden – oft überfordert, rundum kontrolliert, austauschbar, und dabei doch jederzeit verfügbar. Die vierte industrielle Revolution nagt an unserem Selbstverständnis.

Dass letztlich jeder vom ‚Kollegen Computer‘ ersetzbar sei, ruft natürlich massive Ängste hervor. Aus den ‚lebenslangen Laufbahnen‘ der Vergangenheit wird das Flickwerk der berüchtigten ‚Patchwork-Biographien‘, wo der Mensch alle Naselang neu beginnen muss; eine Arbeitswelt, wo seine Erfahrung wenig zählt. Das kränkt natürlich das Selbstwertgefühl.

Die Forscher, die sich mit den Ursachen von Depressionen, Burn-Outs und Berufsunfähigkeit beschäftigen, nennen immer die gleichen Faktoren. Da ist zum einen die schnelle Kommunikation mittels E-Mail und Mobil-Phone, die keineswegs nur als Erleichterung empfunden wird, sondern oft auch als ständige Unterbrechung sinnvoller und produktiver Arbeitsprozesse. Ferner gibt es den Verlust an Kreativität und Eigeninitiative durch die ‚Schablonisierung der Arbeitswelt‘ – eine Welt, wo Angestellte nur noch sinnentleert Daten in Tabellen und formalisierte Dokumentationsportale eintippen müssen. Auch die ständige Erreichbarkeit ist zu nennen, die vollends jede Grenze zwischen Berufs- und Arbeitsleben einreißt. Längst auch werden alle Arbeitsaufgaben durch Software-Apps kontrolliert, die zeit- und messgenau jeden Arbeitsschritt erfassen. Und – last not least – wäre auch die ‚indirekte Steuerung‘ zu nennen, wo dem Arbeitnehmer Führungsaufgaben in Projekten abverlangt werden, ohne dass er dabei zur Führung zählt (s. Artikel dazu in diesen News).

Die Folge: Arbeitnehmer erscheinen oft krank am Arbeitsplatz, um ihre Kennziffern nicht zu gefährden. Die Forscher bezeichnen dies als ‚Präsentismus‘. Die jederzeit dokumentierte Leistungskonkurrenz untereinander verwandelt Büroetagen in ‚soziale Haifischbecken‘. Vorgegebene Ziele werden nicht in Frage gestellt, auch wenn sie längst als unrealistisch und unerreichbar erkannt sind. Kurzum – die fortschreitende Digitalisierung erzeugt in Unternehmen und Verwaltungen einen permanenten Zustand ‚interessierter Selbstgefährdung‘, der dann oft genug in psychische Katastrophen mündet.

Natürlich sind Betriebs- und Personalräte in dieser Situation zum Handeln aufgefordert. Sie besitzen auch einiges an Instrumenten, um mildernd einzugreifen. Wie man sie nutzt, das zeigt beispielsweise die BTQ-Fachtagung "Psychische Belastungen in Betrieb und Dienststelle - Folgen der Digitalisierung und der indirekten Steuerung" am 11. September 2018 in Hannover